My PhD procrastination masterclass
(welche in einem historischen Nähprojekt mündete)
Entspannung! Erholung! Auszeit! Was macht den perfekten Ausgleich von jener wissenschaftlichen Achterbahn aus, die sich Dissertation nennt? Als langjährige Doktorandin – die sich immer wieder vor dem Schreiben drückte – möchte ich meine Erfahrungen und Tipps für eine gelungene Ablenkung mit euch teilen. (Nachahmungsgefahr nicht ausgeschlossen!)
Meine erste Nähnadel hielt ich als Kind in der Hand. Schuld daran war meine Großmutter. Aber nicht, weil sie fand, dass ich als Frau nähen lernen müsste, sondern weil sie mich an ihren täglichen Tätigkeiten als Schneiderin und Puppenmacherin teilhaben lassen wollte. Und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis ich die wichtigsten Skills beherrschte. Dennoch müsste ich lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir das Nähen Freude bereitet hätte. Das Gegenteil war der Fall: ich mochte es gar nicht! Als ich im Handarbeitsunterricht aufgrund meiner bereits vorhandenen Grundkenntnisse auch noch zum Bügeln verurteilt wurde, war meine Abneigung gegen das Nähen endgültig besiegelt. Dementsprechend hätte ich nie gedacht, dass wir doch noch zueinanderfinden würden: ich und die Nähnadel.
Doch dann kam die COVID-19-Pandemie. Gepaart mit einer Welle an Lockdowns und einem Konzept namens Kurzarbeit zwang sie auch mich in die eigenen vier Wände. Plötzlich war ich mir selbst ausgeliefert, meinen zweitklassigen Kochkünsten, begrenzten Rasenflächen und unerledigten Notizstapeln in der hintersten Ecke meines Schreibtisches. Und wie bei vielen Leidensgenoss*innen hatte es sich auch bei mir schnell ausgekocht. Auch der Garten war in kürzester Zeit bis auf den letzten Grashalm erkundet, die Möbel entstaubt, die Notizstapeln zu Artikeln verarbeitet und das Ende von Instagram (oder YouTube) entdeckt.
Naja, fast! Hinter dem zweiten Stern gleich rechts verbarg sich nämlich eine bisher unentdeckte Welt: gemeint ist jene des Mittelalter-Reenactments. Glänzende Rüstungen, wallende Kleider und kunterbunte Accessoires nach historischen Vorlagen soweit das Auge reicht! Traumhaft, nicht wahr? Als Mediävistin hatte ich das Schauspiel von der Ferne oft beobachtet, es bisher aber nie gewagt näher zu treten und einzutauchen. Doch nun war der Moment endlich gekommen: ich tauschte mich mit Kolleg*innen aus, studierte Bücher, Videos und Fotos historischer Funde und griff – endlich – zur Nähnadel! Zunächst zögerlich und ja, auch mit viel Drama und Zweifel. Doch nach kurzem Ringen stellte ich fest: Nähen ist erstaunlich beruhigend!
Abb. 1: Rekonstruktion eines spätmittelalterlichen Unterhemdes nach diversen Fundresten aus dem Schloss Lengberg, Tirol.
Und ist es nicht das, was wir alle suchen: Ein paar Minuten besinnliche Ruhe zwischen all den Recherchen, Deadlines und stundenlangen Schreibmarathons? Doch was einfach klingt, könnte in der Umsetzung schwieriger nicht sein. Denn wer kennt sie nicht: die Stimme im Hinterkopf, die niemals verstummt. „Du könntest noch ein paar Zeilen schreiben.“ „Du solltest noch einen Artikel lesen.“ „Hast du die Fußnoten schon kontrolliert?“ Sich kurz aufs Sofa zu legen und zu entspannen, wird dank ihrer omnipräsenten Anwesenheit letzten Endes zum Ding der Unmöglichkeit – verfolgt sie einem doch auf Schritt und Tritt. Zum Sofa, ins Museum und selbst zum Kaffeeklatsch mit Freunden und/oder Familie, wo sie laut und deutlich auf genau die Dinge aufmerksam macht, die man in dieser Zeit hätte erledigen können.
Der einzige Ausweg: Eine Ablenkung, die Körper UND Geist fordert und die omnipräsente Stimme für einen kurzen Augenblick in den Pausenraum verbannt. Und genau hier kommt das Nähen wieder ins Spiel. Denn für mich entpuppte sich dieses letzten Endes als genau das: Als eine Freizeittätigkeit, welche meine ganze Aufmerksamkeit forderte und mich für die Dauer der Aktivität an nichts anderes denken ließ als an das Handwerk selbst. Für mein überarbeitetes Gehirn: Entspannung pur! Und das Beste daran war, das ich – ganz nebenbei – auch noch neue fachfremde wie -interne Personen aus der ganzen Welt kennenlernte und zahlreiche handwerkliche wie fachliche Skills erlernte! Immerhin war nicht nur unsere jüngste Vergangenheit von sich ständig verändernden Moden und Trends geprägt, sondern auch die Kleidung des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Und diese Modetrends eignen sich – wie meien Kolleg*innen aus der Realienkunde längst erkannten – hervorragend zum Datieren kunsthistorischer Objekte. Schnabelschuhe? Stehfaltenkleider? Brusttücher? Geschlitzte Wämser und Hosen? Sie alle haben eines gemeinsam: sie waren nur für kurze Zeit en vogue und sind somit modischer Ausdruck eines ganz spezifischen (kunst-)historischen Zeitabschnittes. Nicht nur für eine Kunsthistorikerin erhellend, nicht wahr?
Indem ich auf meiner Suche nach dem idealen Ausgleich gleich mehrere Fliegen mit einer Klatsche erwischte – nämlich Entspannung, Freizeitbeschäftigung, Erkenntniszugewinn und Networking – darf es auch nicht wundern, dass ich in den vergangenen fünf (Doktorats-)Jahren so etwas wie eine hobbymäßige Rekonstruktions-Fanatikerin geworden bin. Neben 318 Seiten Dissertation entstanden an den Wochenenden ganze fünf Kleidungsstücke nach historischen Funden und Abbildungen. Quasi eines für jedes Jahr, in welchem ich (mal Voll- und mal Teilzeit) an meiner Dissertation gearbeitet hatte: ein langärmeliges Unterhemd (Abb. 1), ein sogenannter Tuttenseck (Abb. 2) und ein Oberkleid mit fixierten Falten (Abb. 3 und 4) nach den 2008 entdeckten Funden des Schlosses Lengberg bei Nikolsdorf, Tirol sowie eine Schürze nach diversen spätmittelalterlichen Abbildungen (Abb. 5) und eine sog. Sternenhaube nach einem Fund in Kempten, Allgäu (Abb. 6). Alles zusammen: ein fast vollständiges Spätmittelalter-Outfit, das ich zwar nicht zur kürzlich stattgefundenen Defensio der Doktorarbeit getragen habe – aber durchaus tragen hätte können! (Wie das wohl angekommen wäre?)
Abb. 4: Fertige Rekonstruktion des Lengberg-Kleides mit fixierten Falten auf Vorder- und Rückseite.
Als ich mich vor fünf Jahren zum Doktoratsstudium inskribierte, hätte ich nie gedacht, dass ich nach Abschluss desselben neben einer fertigen Dissertation zudem einen Schrank voller historischer Kleidungs-Rekonstruktionen vorweisen könnte. Wirklich nicht! Aber das Leben spielt nur selten so wie man es plant. Ansonsten hätten wir alle unser Doktorat in Mindeststudienzeit abgeschlossen und weder Zeit- noch Leistungsdruck – dessen Ausgeburt die omnipräsente Stimme letzten Endes nun einmal ist – am eigenen Leib erfahren. Oder etwa nicht? Doch die traurige Wahrheit ist, dass für die meisten von uns genau das Gegenteil eingetreten ist. Uns wurde mit dem Doktorat eine große Kiste voller Zitronen in Form unüberwindbar scheinender Tiefen und endloser Phasen der Überforderung und Selbstzweifel zugestellt, die sich oft anfühl(t)en wie ein tiefes Loch ohne Ausweg. Wenn sich dann noch eine Stimme im Hinterkopf einnistet, die niemals verstummt, wird die Suche nach einem heilenden Löffel voller Zucker zum metaphorischen Avalon. Oder anders gesagt: zu einem schützenden Rückzugsort in Form von erholenden Hobbies und notwendigen Auszeiten. Manche gehen Radfahren, Wandern, Klettern oder bringen sich Malen, Kochen oder Stricken bei. Andere schaffen es nicht die Nebel zu durchdringen und zerbrechen an dem Druck. Und wieder andere fangen an zu Nähen und finden sich schlagartig in einem nie geplanten Side-Projekt neben dem eigentlichen Forschungsprojekt wieder, dass sie so sehr gefangen nimmt, dass alle Sorgen und Ängste des Doktorats für einen kurzen Augenblick wie weggeweht erscheinen.
Abb. 5: Rekonstruktion einer Leinenschürze mit gesmocktem Brust- & Rückenbereich nach spätmittelalterlichen Abbildungen.
Meine Erfahrungen und Tipps lauten also wie folgt: auch wenn man glaubt sich keine Auszeit und keine ach so kurze freie Minute gönnen zu dürfen, gehören erholsame Auszeiten genauso zu einem erfolgreichen Doktorat dazu, wie schlaflose Nächte und durchgearbeitete Wochen. Wenn ihr mich fragt, muss der Ausgleich aber nicht immer in einem fachfremden Hobby bestehen. Auch Schnittstellen zwischen Freizeit und Arbeit können Erholung bringen und den Kopf frei machen. Und da man sich nicht gänzlich vom eigenen Fach entfernt, fällt es letzten Endes sogar noch leichter sich gedanklich kurz einmal vom Dissertationsthema zu befreien. Die verbindende Brücke schlug bei mir das 15. und 16. Jahrhundert, in welche Zeitspanne sowohl das Nähprojekt als auch das Dissertationsprojekt zeitlich zu verorten sind. Dementsprechend kann ich mein hobbymäßig erworbenes Wissen auch beruflich anwenden und in zukünftige Projekte integrieren. Nur einer der zahleichenen Nebeneffekte, die mir dieses Side-Projekt einbrachte. Was der beste Nebeneffekt ist, fragt ihr: Das mir die Klamotten wie eine zweite Haut passen! Gut, dass die Liste der europäischen Mittelalterfeste sehr lang ist. Wo also soll ich anfangen, jetzt, wo das Dissertationsprojekt abgeschlossen und die omnipräsente Stimme für immer verstummt ist?
Sophie Morawitz war DSHCS-Fellow und schrieb ihre vor kurzem am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien abgeschlossene Dissertation über die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stifter*innenstrategien der oberösterreichischen Stadtpfarrkirche St. Ägidius und Koloman in Steyr.
Abb. 7: „Und wie hast du das gemacht?“- fachlicher Austausch mit der Archäologin Linda Brunner-Obhof (rechts) und der Kunsthistorikerin Nina Harm (links) am Peter und Paul Fest in Bretten, Deutschland.