Von Vietnam nach Prag – und wieder zurück
Kulturdiplomatie, Soft Power und Solidarität in einer militarisierten Welt
von Anna-Marie Kroupová
Was bedeutet es, über vergangene Beziehungen zu forschen, wenn diese durch geopolitische Entwicklungen plötzlich neu aufgeladen werden? In meinem Doktoratsprojekt untersuche ich die globalen Verflechtungen der Prager Akademie der bildenden Künste während der spätsozialistischen Periode. Inhärent handelt es sich also um ein Forschungsfeld, das von Fragen nach Soft Power, nach Kulturdiplomatie und vor allem nach Dialog zwischen Menschen sowie Kulturen durchzogen ist. So führte mich meine Forschung im Februar und März dieses Jahres nach Vietnam, wo ich gleich mehrere Oral-History-Interviews mit ehemaligen Kunststudierenden in Prag zu durchführen plante. Aber schon nach wenigen Tagen in Südostasien holten mich die aktuellen politischen Ereignisse ein: Der Angriff auf den Iran offenbarte mit brutaler Deutlichkeit die Konsequenzen des Scheiterns diplomatischer Verhandlungen sowie die Hinwendung zu Hard Power und militärischer Eskalation.
Es war beklemmendes Gefühl, sich während dieses globalpolitischen Umbruchs ausgerechnet in Vietnam zu befinden – in einem Land, in dem das Trauma der US-amerikanischen militärischen Intervention bis heute sehr präsent ist und in beinahe jedem staatlichen Museum zur wichtigsten historischen Erzählung erhoben wird. So brachten die Entwicklungen in mir ein starkes Bewusstsein für etwas hervor, das zugleich die Fragestellungen meiner Forschung leitet: Solidarität. Gerade dieses Prinzip spielte innerhalb des damaligen sozialistischen Blocks eine zentrale Rolle: Unter dem Banner der Solidarität bewegten sich auch viele Studierende mit staatlichen Stipendien durch den sozialistischen Raum – so auch jene, welche zwischen 1969 und 1989 mehrere Jahre an der Prager Akademie verbrachten. Die Mechanismen hinter der Idee eines globalen Sozialismus – oder auch eines sozialistischen Internationalismus –, die ich bisher eher als Fachbegriffe wahrnahm, konkretisierten sich für mich dadurch schlagartig.
Verregneter Ausflug nach Ninh Bình – auf einer laternengeschmückten Brücke in der Altstadt Phố Cổ Hoa Lư.
Neben dem Konzept der Solidarität kamen mir auch zahlreiche visuelle Formen überraschend vertraut vor: allgegenwärtige rote Fahnen mit Hammer und Sichel, politische Slogans zur Feier der Kommunistischen Partei und unzählige öffentliche Porträts ausgewählter politischer Führungsfiguren. Ich komme ursprünglich aus der Tschechischen Republik, einem postsozialistischen Land, während Vietnam weiterhin offiziell sozialistisch organisiert ist. Und dies waren alles Bilder, welche mir auch aus Erzählungen oder Fotografien meiner Eltern und Großeltern sowie aus tschechischen Archiven bekannt waren. Die visuellen Codes schienen also zumindest teilweise die erstaunliche geografische – sowie auch chronologische Distanz – zwischen den Ländern zu überbrücken, wodurch bei mir auch bestimmte Momente der Vertrautheit aufgekommen sind.
Auf der Forschungsreise hatte ich ursprünglich geplant, drei ehemalige Studierende zu interviewen, die sich nach ihrer Heimkehr aus Prag in unterschiedlichen Städten Vietnams niedergelassen haben. Dadurch zeichnete sich auch meine eigene Reiseroute durch das ganze Land ab: von Ho-Chi-Minh-Stadt im Süden über Da Nang in der Landesmitte bis in den Norden nach Hanoi. Dabei war auch ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und Flexibilität notwendig. So habe ich beispielsweise während meines zweiten Interviews in Da Nang von einer weiteren, außergewöhnlichen ehemaligen Studentin an der Akademie erfahren, die in keinem Archiv in Tschechien aufgetaucht ist – und ausgerechnet in Ho-Chi-Minh-Stadt lebte, von wo ich gerade erst angereist war. Plötzlich musste ich Flüge, Unterkünfte und Übersetzungen neu organisieren. Gleichzeitig zeigte sich dadurch aber auch die weiterhin starke Vernetzung und Freundschaft innerhalb der damaligen vietnamesischen Kunstcommunity in Prag – nur ein kurzes Telefonat genügte, um das zusätzliche, vierte Interview mit mir zu vereinbaren.
Die eigentlichen Gespräche bildeten den Kern – und zweifellos auch die Höhepunkte – meines Aufenthaltes. Die ehemaligen Kunststudierenden haben sich sehr gefreut, sich nach langer Zeit wieder einmal mit jemandem aus dem Land ihrer Studienzeit persönlich zu unterhalten: Sie haben Tschechisch weiterhin verstanden und manche sprachen es sogar noch auf einem guten Niveau, so dass eine direkte Kommunikation teilweise möglich war. Über mehrere Stunden hinweg erzählten mir die Gesprächspartner*innen von ihren Studienjahren, sie zeigten mir Fotografien aus Prag und Umgebung, ihre Kunstwerke und weitere persönliche Erinnerungsstücke an die damalige Tschechoslowakei. Besonders interessant waren die Schilderungen von drei Studierenden, welche das Jahr der politischen Wende in 1989 persönlich miterlebt hatten – und als abruptes und unerwartetes Ereignis, welches große Unsicherheiten auslöste, beschrieben.
Höchst attraktives – und straffes – Programm erwartete mich in Hanoi, wo mir Ngô Quang Nam – der zwischen 1969 und 1973 in Prag studiert hatte – mit großem Engagement die lokale Kunst- und Kulturszene näherbrachte. Er stellte mir mehrere Künstler aus der staatlich geförderten Szene vor, nahm mich mit in private Ateliers und besuchte mit mir auch die dortige Kunstakademie, wo ich mich in der Lackwerkstatt mit jungen Studierenden über die traditionelle vietnamesische Lackmalerei austauschen konnte. Ich nutzte die Reise auch, um möglichst viele kulturell relevante Orte zu besichtigen: neben zahlreichen Tempelanlagen und Märkten war es in Ho-Chi-Minh-Stadt vor allem die beeindruckende Architektur des Wiedervereinigungspalasts aus den 1960er Jahren sowie einen in einem Wohnhaus versteckten Bunker mit Waffenlager; in Da Nang das Museum der Cham, deren (visuelle) Kultur matriarchal geprägt ist; und zuletzt in Hanoi die vielen staatlichen Institutionen, eine Exkursion nach Ninh Binh und ein Tagesausflug in die UNESCO-Altstadt von Hoi An – dazu kam noch eine kurze, aber für mich vollkommen ausreichende Mopedfahrt...
Während ich mich zwischen Interviews, Städten und Tempeln bewegte, hat sich die geopolitische Lage immer weiter verschärft, was auch meinen ursprünglich geplanten Rückflug über Dubai plötzlich unmöglich machte. So musste ich meine Reise kurzfristig um fast eine Woche verlängern – und schließlich über Singapur und Istanbul die Heimreise antreten. Diese Situation stellte zugleich die Perspektive auf meine eigene Forschung infrage: Was heißt es überhaupt, heutzutage zu historischen Formen kultureller Diplomatie und Solidarität zu forschen, während globale Beziehungen wieder zunehmend durch militärische Machtprojektionen geprägt werden?
Eine mögliche Antwort fand ich in den Interviews selbst. Gerade gegenüber der militärischen Macht wurde nämlich ganz klar, dass persönliche Beziehungen und kulturelle Verbindungen langfristig positive Spuren hinterlassen – Spuren, die manchmal nur darauf warten, bis sie wieder aktiviert werden. Deshalb möchte ich mich sehr herzlich bei Vũ Hà Đinh, Ngô Quang Nam, Nguyễn Hồng Nam und Hoàng Tuyết Hạnh für ihre Offenheit, Zeit und Großzügigkeit bedanken. Sie alle führen bis heute, auf ganz unterschiedliche Weise, das weiter, was man wohl ein „künstlerisches Leben“ nennen kann...