Konferenzbericht Österreich-Ungarn im weltweiten Kolonialsystem, 10. und 11. Oktober 2025
von Clemens Wirleitner
Am 10. und 11. Oktober 2025 fand in Wien eine Konferenz unter dem Titel „Austria-Hungary in the Global Colonial System“ statt. Die von mir in Zusammenarbeit mit Dr. Krisztián Csaplár-Degovics von der Eötvös-Loránd-Universität Budapest und dem Collegium Hungaricum Wien organisierte und von der DSHCS und dem WISO-Institut der Universität Wien mitunterstützte Konferenz verfolgte das Ziel, die Rolle Österreich-Ungarns in den globalen kolonialen Verflechtungen neu zu beleuchten und junge Forscher*innen mit bereits etablierten Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Ländern der ehemaligen Habsburgermonarchie miteinander zu vernetzen. Die 17 Vortragenden, darunter mehrere Dissertanten der Universität Wien und anderer Universitäten und ca. 45 bis 50 Teilnehmer*innen hatten dabei Gelegenheit, ihre aktuellen Forschungsprojekte vorzustellen und zu diskutieren.
Mit unserer Konferenz gelang es aufzuzeigen, dass es neben den gescheiterten Versuchen zur Erlangung überseeischer Kolonien sehr wohl konkrete Beispiele für die Teilnahme an kollektiven imperialistischen Projekten und informellem Kolonialismus auf unterschiedlichsten Ebenen gab, die das kolonialapologetisch und geschichtsrevisionistische gefärbte Bild von Österreich-Ungarn als einer Großmacht ohne Kolonien, was überdies auch die Frage nach einem inneren Kolonialismus ausklammert, widerlegt. Die Habsburgermonarchie war in vielfältiger wirtschaftlicher, wissenschaftlicher, diplomatischer und kultureller Weise in imperiale Dynamiken eingebunden.
Unter dem Prinzip der Open Science sollte die Konferenz und die nachfolgend geplante Publikation, die voraussichtlich in der neuen Reihe Imperialism and Colonialism in Central and Eastern Europe der CEU Press erscheinen wird, auch einen Beitrag leisten, das Thema der kolonialen Vergangenheit weiter für die Öffentlichkeit aufzubereiten und einen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs um die imperialistische und eben auch kolonialistische Praxis Österreich-Ungarns liefern.
Die Diskussionen der beiden Tage machten deutlich, dass das koloniale Erbe der Habsburgermonarchie nicht nur eine historische Randnotiz ist, sondern ein zentrales Element ihrer globalen politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und militärischen Verflechtungen insbesondere ab dem späten 19. Jahrhundert war.
Viele Beiträge unterstrichen die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit und die Bedeutung, auch Staaten ohne überseeische Territorialkolonien als aktive Akteure im globalen System des Kolonialismus zu verstehen.
Ferner bleibt durch das Fehlen eines entsprechenden Bundesgesetzes zur Umsetzung von Restitution und Repatriierung bestimmter, aus einem kolonialen Unrechtskontext stammenden Objekten und menschlicher Überreste in österreichischen Museen und Sammlungen ungelöst.
Insgesamt war die Tagung ein lebendiges Beispiel dafür, wie produktiv ein Blick über die klassischen Grenzen der Kolonialgeschichtsschreibung hinaus sein kann. Sie zeigte, dass es sich lohnt, das Habsburgerreich nicht nur als kontinentale Großmacht, sondern auch als Akteur im globalen Gefüge zu begreifen und die zu diesem Thema stattfindende Forschung weiter auszubauen.
Persönlich erlaubte mir die Vorbereitung der Veranstaltung nicht nur, tiefer in die geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung um die koloniale Vergangenheit Österreich-Ungarns einzutauchen und mit meiner eigenen Forschung zu verknüpfen, sie lieferte mir auch wertvolle Erfahrungen im Projekt- und Fördermittelmanagement sowie der interdisziplinären Aufbereitung von Wissen für eine größere Öffentlichkeit, welche ich hoffentlich auch in weiterführenden Forschungsprojekten anwenden kann.
Abschließend möchte ich mich bei der DSHCS, dem WISO-Institut und dem Collegium Hungaricum für die Unterstützung in der Organisation dieser Konferenz herzlichst bedanken.
Die Vorträge der einzelnen Referent*innen können mehrheitlich auch auf unserer Website nachgehört werden: https://kolonialismuskonferenz.wordpress.com/